Die Sache mit den größten Hits

Es ist der größte Aufreger der 80er, 90er, 2000er und von heute. „Alle“ Sender spielen die selbe Musik, immer und immer wieder. Das ist in einem hart umkämpften Werbemarkt nicht verwunderlich. Mainstream-Formate haben ihre Berechtigung. Es gilt die Gleichung: Erfolg = Masse x Werbung. In der Zusammenarbeit mit Marktforschungsinstituten ist mir ein Problem aufgefallen, das allerdings zu einer Neubewertung von Musikarchiven führen kann und somit tatsächlich zu mehr Vielfalt im Radio.

Wir sollten die Auswertung von Musikumfragen überdenken. Fast alle großen Sender geben sehr viel Geld für Musik-Research aus. In sogenannten Call-Outs werden regelmäßig tausende Probanden z.B. am Telefon mit den „größten Hits“ gequält oder zur kollektiven Hitfolter in Kinosäle eingesperrt. Die Frgen bleiben: Erreiche ich meine Zielgruppe via Festnetz? Ist Kinohören vergleichbar mit Radiohören? Wie findet mein Hörer den Song, wenn er unausgeschlafen und morgenmuffelig das Radio andreht? Und so weiter und so fort.

Schauen wir uns die Geschmacksskalen einmal an. Die europaweit führende Radioberatung Coleman hat ihre Bewertungen im Internet veröffentlicht (Coleman, 2005). Danach bewerten ihre Berater und somit auch alle angeschlossenen Funkhäuser einen Titel schon als „unpopulär“, wenn er nur 0,16 Punkte unter dem Durchschnitt liegt. Konsequenz: Ein solcher Titel wird nie wieder im Radio zu hören sein, obwohl er mit 3,18 auf einer Fünferskala noch oberhalb der Mitte liegt. „Hoch populär“ sind nach Coleman bereits 3,86. Diese Titel werden wir täglich vier mal hören, bis sie sich auf 3,34 (Durchschnitt) abgekühlt haben. Ich möchte nicht über Zehntel streiten, aber in mir keimte schon lange der Verdacht, dass fehlender Mut von Programmverantwortlichen einer der Gründe für die Formatenge im deutschen Radio ist. Vielleicht sind 3,18 ja doch nur „knapp unter Durchschnitt“ und deshalb durchaus spielbar.

Im Durchschnitt zwei Meter groß: Größter Mann der Welt auf seiner Hochzeit in der Mongolei.
(Foto: Xishun)

Statistische Erhebungsmethoden erleiden nur durch die angelegte Skala Verzerrungen. Dass selbst große Abweichungen zusammenpassen, gilt nicht nur in der Musik. Verlieben kann man sich auch weit über und unter dem Durchschnitt, den wir manchmal Mainstream nennen: 2,36 m und 1,64 m sind die Maße dieses Paares. Sieben Zehntel sind auf dieser Skala wirklich ein deutlicher Unterschied – aber kein Hindernis.

Gemeinsam mit der MediaAnalyzer GmbH in Hamburg habe ich 2007 übrigens ein Tool zur online-gestützten Radiomarktforschung entwickelt, das viele Probleme klassischer Musiktests löst. Unter anderem ist die Messung absolut skalenfrei.

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